Wenn die Seele hungert:

Essstörungen - die heimliche Sucht

Vortrag zur Ausstellungseröffnung am 11. September 2006


Die heutige Eröffnung unserer Ausstellung "Durch dick und dünn" steht am Beginn einer Veranstaltungsreihe zum Thema "Essstörungen". Es handelt sich hierbei um ein Kooperationsprojekt der Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Bargteheide und des Amtes Bargteheide-Land, der Evang. Beratungsstelle im Kreis Stormarn und des Jugendarbeitsteams der Stadt Bargteheide.

Warum haben wir dieses Thema aufgegriffen?

Unser Arbeitskreis "Mädchen und junge Frauen im Kreis Stormarn" veranstaltete im Oktober des vergangenen Jahres einen Fachtag zum Thema "Essstörungen und selbstverletzendes Verhalten bei Kindern und Jugendlichen", nachdem wir uns schon längere Zeit mit diesem Themenkomplex auseinandergesetzt hatten. Der Fachtag stieß auf große Resonanz sowohl bei betroffenen Jugendlichen und Eltern als auch bei Lehrkräften und Fachkräften aus der Kinder- und Jugendarbeit. In Bargteheide stellte sich schon bald die Erkenntnis der Notwendigkeit nach einer weiter führenden Auseinandersetzung mit dem Thema "Essstörungen" ein. So entstand unser Projekt.

Unser besonderer Dank gilt den Jugendschutzbeauftragten des Kreises Stormarn, Frau Petra Linzbach und Herrn Christian Restin. Durch ihre finanzielle Unterstützung konnten wir unser Angebot erheblich erweitern.

Bevor ich Sie und euch zu einem ersten Rundgang durch unsere Ausstellung "Durch dick und dünn" einladen möchte, wollen wir uns ein wenig Zeit nehmen, um ein paar Gedanken zu unserem Leitthema Gestalt annehmen lassen zu können.

Es ist ein sehr persönliches Thema, mit dem wir uns nur schwerlich rein theoretisch auseinandersetzen können. Niemand von uns hier in diesem Raum dürfte zu dieser Ausstellungseröffnung gekommen sein, nur weil er Kunst betrachten oder einen den Geist beflügelnden Fachvortrag hören möchte.

Über eine Million Menschen leiden in Deutschland an einer Form von Essstörungen. Für 93 % aller Frauen gehören die kritische Auseinandersetzung mit ihrer Figur und damit in Verbindung stehende mehr oder weniger erfolgreiche Diäten zu den Erfahrungen ihres Alltags. Das gesellschaftlich geprägte Schönheitsideal weibliche Idealmaße betreffend ist oftmals grausam und nicht einfach aus der Welt zu schaffen. Und dies betrifft schon lange nicht mehr ausschließlich Frauen. Schlank zu sein scheint gleich bedeutend damit, auf der beruflichen und privaten Erfolgswelle zu schwimmen. Und doch wäre es eine falsche Sichtweise, allein das gesellschaftliche Schönheitsideal verantwortlich zu machen für das gehäufte Auftreten von Essstörungen in unserem gesellschaftlichen Miteinander.

Die Entwicklung einer Essstörung hat in der Regel nicht nur eine einzige Ursache, sondern begründet sich in einem komplexen System aus persönlichen, familiären, sozialen und biologischen Faktoren. Jede Essstörung hat ihre eigene Geschichte, egal ob es sich um Magersucht, Bulimie oder Esssucht handelt.

Zweifel am eigenen Selbst, Gefühle von Minderwertigkeit und Versagen, Spannungen innerhalb der Familie, oft verbunden mit erheblichen Behinderungen in Prozessen der Abgrenzung und Ablösung, schulischer Leistungsdruck, Zukunftsängste: die Liste der möglichen Hintergründe für das Entstehen einer Essstörung ist lang und nie vollständig.

Wann sprechen wir überhaupt von einer Essstörung? Woran können wir erkennen, ob jemand gefährdet ist, eine solche Störung zu entwickeln?

Die Grenzen zwischen Normalität, auffälligem Essverhalten und dem Vollbild einer Essstörung sind fließend. Der Weg in eine Essstörung hinein führt in der Regel durch die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper hindurch, oftmals gefolgt von einer Reihe von Diäten. Jede Essstörung äußert sich in einem Geflecht von Symptomen, begründet in einem gestörten Verhältnis zum Essen und zum eigenen Körper. Dabei muss immer wieder betont werden, dass Symptome und Ursachen nicht verwechselt werden dürfen. Solange wir nur die Symptome bekämpfen und die Ursachen ignorieren, werden wir einer Erkrankten nicht helfen können.

Ich muss in diesem Zusammenhang immer wieder an eine Schülerin denken, die mit 14 Jahren an Binge Eating Disorder erkrankte und leider auf wenig Verständnis in ihrem familiären Umfeld stieß. Während dieses Mädchen seinen Kummer mehr und mehr in sich hinein fraß und binnen weniger Monate immer dicker wurde, befürchtete die Mutter das Gerede "der Leute" und sah das Hauptproblem darin, die Tochter zu Diät und Sport zu bewegen, um nur ja nicht weiter aufzufallen. Sie war nicht bereit, zwischen Ursache und Symptom zu unterscheiden und verbaute damit der Tochter den Weg aus der Essstörung.

Essstörungen sind insbesondere unter Mädchen und Frauen weit verbreitet. Jede 3. Schülerin zwischen 12 und 20 Jahren leidet an der Frühform einer Essstörung.

Bereits 30% aller Mädchen und Jungen unter 10 Jahren verfügen über Diäterfahrung; 56% der 14- bis 15-Jährigen sind unzufrieden mit dem eigenen Aussehen und Gewicht. Unter einer bulimischen Essstörung leiden schätzungsweise 3% aller Frauen, ca. 5% aller Mädchen und Frauen sind sogenannte "Over Eaters". Diese Zahlen berücksichtigen nicht die Dunkelziffern und sind nur das Ergebnis einzelner, auf einen relativ kleinen Personenkreis bezogenen Studien. Die tatsächlichen Zahlen dürften wesentlich höher liegen.

Der Einstieg verläuft schleichend: plötzlich beginnt der Tag mit dem Blick auf die Waage. Sie wird zum wichtigsten Kommunikationspartner. Kalorienzählen und Diäten bestimmen den Alltag. Eine Mahlzeit ist nicht mehr die genussvolle Befriedigung eines menschlichen Grundbedürfnisses und das natürliche Gefühl für Sättigung geht verloren. Sowohl Tagesform als auch Stimmung und Laune sind gewichtsabhängig und das Gewicht ist fortan verantwortlich für den persönlichen Erfolg.

Essstörungen sind körperliche Erkrankungen. Sie betreffen die Nahrungsaufnahme oder deren Verweigerung. Die auslösenden Kriterien lassen sich nicht in einem einfachen Schema von Ursache und Wirkung zusammenfassen. Sowohl seelische Belastungen als auch psychosomatische oft entwicklungsbedingte Störungen und Traumata können sich dahinter verbergen. Betroffene zeichnen sich durch die zwanghafte Auseinandersetzung mit der Aufnahme oder Verweigerung von Nahrungsmitteln aus. Allen gemeinsam ist, dass es sich um unterschiedliche Formen abhängigen Verhaltens handelt, welches sich jedoch stets in einer Tabuzone schamhaften Verschweigens zu verstecken sucht. Niemand darf etwas erfahren.

Eine Essstörung entwickelt sich nicht plötzlich und aus heiterem Himmel, (aus dem sowieso nicht), sondern schleichend. Stellt sie sich dann irgendwann als Realität gewordener Albtraum heraus, so ist sie kein Problem eines Individuums, sondern eines ganzen Systems. Die bis dahin scheinbar heile Welt der "Rama-Familie" wird durch das Auftreten der Essstörung einer Tochter oder eines Sohnes in eine tiefe Krise gestürzt. Die Konsequenzen reichen von Ratlosigkeit über Wut bis hin zu schierer Verzweiflung.

Essgestörte Menschen ziehen sich in der Regel aus jeglichem sozialen Leben in eine tiefe zwar selbstgewählte jedoch innerlich zutiefst verfluchte Isolation zurück und brechen den Kontakt zu Familie und Freundeskreis soweit wie möglich ab. Für die Familie bedeutet dies in der Regel einen tiefen Bruch durch die Grundstruktur. Gemeinsame Aktivitäten, von gemeinsamen Mahlzeiten ganz zu schweigen, werden unmöglich. Die essgestörte Tochter, der essgestörte Sohn zieht sich in eine Art Inselwelt zurück, die von Außenstehenden kaum erreicht werden kann.

Die Geschichte des sexuellen Traumas in der frühkindlichen Alkoholikerfamilie trifft nicht annähernd die Realität. Nur zu oft entwickeln gerade die Heranwachsenden eine Essstörung, deren Familie nach außen gut bürgerlich behütend wirkt und nach allen Regeln einer deutschen Durchschnittsfamilie lebt.

Wir unterscheiden verschiedene Formen von Essstörungen: die Magersucht, die Bulimie (auch bekannt als Ess-Brechsucht) und die anfallsweise Esssucht, die sowohl unter den Bezeichnungen "Overeating-Störung" als auch "Binge Eating Disorder" bekannt ist.

Ich möchte im Folgenden kurz auf diese drei unterschiedlichen Formen von Essstörungen eingehen.

Magersucht (Anorexia nervosa)

Magersucht ist eine Essstörung, die vor allem durch Hungern, Gewichtsabnahme und ständige Gewichtskontrolle gekennzeichnet ist. Sie tritt vorwiegend in der Pubertät auf.

Auslöser und Ursachen sind stark mit den Ablöseprozessen vom Elternhaus, häufig in Verbindung mit einer symbiotischen Beziehung zur Mutter, kombiniert.

Magersüchtige Menschen leben in der allgegenwärtigen Angst, zu viel zu essen und an Gewicht zuzunehmen. Die Waage ist die ständige Begleiterin.

Der Alltag besteht aus Hungern und Wiegen, in der Regel in Verbindung mit extremen sportlichen Aktivitäten. Magersüchtige streben für gewöhnlich nach Perfektion und setzen sehr hohe Ansprüche an sich selbst. Sie genießen das Gefühl, ihren Körper "unter Kontrolle" zu haben und sehen in der Gewichtsabnahme eine Bestätigung ihrer Leistungen.

Der Gewichtsverlust ist extrem und kann sehr schnell bedrohliche Ausmaße annehmen. Die tägliche Kalorienaufnahme kann unter 200 KJ betragen. Das sind 50 Kalorien, was ungefähr dem Verzehr einer Orange entspricht. Unterstützt wird die Gewichtsabnahme häufig durch die Einnahme von Abführ- oder Schlankheitsmitteln.

Das Gewicht sinkt weit unter das Normal- und Idealgewicht (bis zu 50%). Dementsprechend sind magersüchtige Menschen auffallend dünn, obwohl sie sich selbst als viel zu dick empfinden. 10% bis 15% aller Magersüchtigen sterben an ihrer Krankheit und deren Folgen. Die Erkrankung nimmt häufig einen chronischen Verlauf ein.

Bulimie (Bulimia nervosa)

Der Begriff "Bulimie" ist an das griechische "bulimos" angelehnt, was soviel wie "Ochsenhunger" bedeutet. Wer einmal erlebt hat, welchen Appetit ein Ochse verspüren kann, der hat eine ungefähre Ahnung von den Nöten, die ein an Bulimie erkrankter Mensch während eines Essanfalls erleidet.

Auch bei Bulimikerinnen spielt das Gewicht eine große Rolle. Im Gegensatz zu magersüchtigen Menschen wechseln sich bei dieser Erkrankung jedoch Phasen des Hungerns mit Heißhungerattacken ab.
Während eines Essanfalls werden riesige Kalorienmengen (bis zu 15 000 kcal) verschlungen. Im Anschluss an die Heißhungerattacke wird das Erbrechen initiiert. Der Missbrauch von Abführmitteln spielt ebenfalls eine große Rolle. Menschen, die an Bulimie erkrankt sind, haben in der Regel Normal- oder leichtes Untergewicht. Sie leiden aufgrund der sich ständig wiederholenden Kontrollverluste unter starken Schamgefühlen und horten heimlich große Mengen an Lebensmitteln, um für den nächsten Essanfall gerüstet zu sein.

Die Bulimie hat in den vergangenen 20 Jahren sehr an Häufigkeit zugenommen. Man kann von einer Häufigkeit von 2 bis 4 Prozent in der Risikogruppe der 18 bis 35-jährigen Frauen ausgehen. Das Alter bei Erkrankungsbeginn liegt meist etwas höher als bei der Magersucht. Bulimie kann die Folgeerscheinung einer Magersucht sein. Bulimische Menschen sind oftmals sehr kontrolliert. Zwischen den Essattacken haben sie in der Regel ihr Leben äußerlich gut im Griff und sind in ihren Lebensbereichen recht erfolgreich: sie "funktionieren".

Bulimie hat deutliche körperliche Folgen: Elektrolytentgleisung durch Erbrechen, Abführmittelmissbrauch und Fehlernährung, Vergrößerung der Speicheldrüsen ("Hamsterbacken"), durch die Magensäure bedingte Zahnschmelzdefekte, vor allem an den Schneidezähnen, Speiseröhrenrisse, Nierenschäden, Herzrhythmusstörungen.

Anfallsweise Esssucht (Binge Eating Disorder)

Die anfallsweise Esssucht oder auch Binge Eating Disorder weist deutliche Parallelen zu einer Bulimie-Erkrankung auf. Auch bei dieser Essstörung verlieren die Betroffenen die Kontrolle über ihr Essverhalten, was zu extremen Essanfällen führt. Im Gegensatz zur Bulimie kommt es jedoch nicht zum Erbrechen.

"To binge" kommt aus dem Amerikanischen und heißt übersetzt "ein Fressgelage abhalten".

Während eines solchen Essanfalls werden große Mengen an Nahrungsmitteln verschlungen. Mit einer "großen Menge" meine ich nicht eine "große Portion Spaghetti", sondern den Inhalt mehrerer Einkaufstüten. Die Nahrungsaufnahme ist insgesamt durch große Unregelmäßigkeit geprägt.

Menschen, die an dieser Form der Essstörung leiden, wurden in ihrer Kindheit häufig mit Essen getröstet, belohnt oder beruhigt. In der Konsequenz ist das Essverhalten eines Binge Eaters ein Synonym für das Herunterschlucken von negativen Gefühlen wie z.B. Ärger, Wut und Trauer sowie die Erfahrung von Wärme, Geborgenheit und Trost.

Binge Eater sind häufig konfliktscheue Menschen, die gelernt haben, frustrierende Erfahrungen und Erlebnisse durch die befriedigenden Gefühle während eines Essanfalls zu kompensieren.

Seelische Folgen können sein: Selbsthass, Ekel und Scham, Resignation, Flucht in Tagträume, Antriebslosigkeit, Depressionen, Vermeiden von Spiegeln. Zusätzlich kann es zu Alkoholmissbrauch, Angstzuständen, sowie zwanghaftem Putzen und Waschen kommen.

Gemeinsam ist allen Formen einer Essstörung ein Hunger der Seele, der nicht gestillt werden kann. Hunger nach Leben, nach Liebe, Hunger nach Freiheit und Selbstbestimmung, Hunger danach, so angenommen zu werden, wie man ist: mit allen Fehlern und Schwächen. Ein sehr menschlicher Hunger also.
Wer von einer Essstörung geheilt werden möchte, muss bereit sein, über den Gedanken an Essen und Nicht-Essen hinaus zu gehen und den wahren Hunger zu suchen, der sich hinter Fressattacken oder der krankhaften Sucht, immer weiter abzumagern, verbirgt.

Es steht die Frage im Raum, wie wir betroffenen Menschen helfen können. "Mit einer Therapie natürlich, stationär oder ambulant!" werden Sie jetzt denken und sich über meine Frage vielleicht wundern. Und in der Tat: es steht außer Zweifel, dass in der Regel genau diese Maßnahmen ergriffen werden müssen, um einem Menschen, der an einer Essstörung erkrankt ist, helfen zu können.

Vor jeder Therapie jedoch stehen verschiedene Teiletappen, die wir durchlaufen müssen, um das Endziel Therapie überhaupt erreichen zu können.

Wir müssen genau beobachten, was mit diesem Menschen geschieht, um den wir uns solche Sorgen machen, versuchen, in Kontakt zu bleiben und manchmal auch unbequem sein. Wir müssen uns informieren und handeln, der Erkrankten in die Isolation hinein folgen, in die innere Zerrissenheit und die Verzweiflung.

Und wir müssen immer wieder versuchen, den seidenen Faden zwischen ihr und uns nicht abreißen zu lassen, in Kommunikation bleiben, mit oder ohne das gesprochene Wort. Vielleicht müssen wir auch erkennen, dass es an der Zeit ist, das enge Band zu lockern, welches uns mit der Tochter / dem Sohn verbindet, um dem eigenen Kind wieder Luft zum Atmen zu geben.

Und wir sollten an uns selbst denken. Wir dürfen uns Hilfe holen, in Beratung gehen und Kraft schöpfen, um am Ende nicht selbst auf der Strecke zu bleiben.

"Ich bin müde, kraftlos und herzleer," so schreibt die Mutter einer erkrankten Tochter. "Mein Mann richtet mich immer wieder auf. Ohne ihn wäre ich längst durchgedreht. Es gab Momente, da dachte ich, es geht einfach nicht mehr weiter, mehr erträgst du nicht!"

Was können wir tun?

Zunächst sollten wir uns so detailliert wie möglich über die Erkrankung der betroffenen Person informieren. Information ist der erste Schritt gegen Gefühle von Hilflosigkeit und Ohnmacht. Nur einen Feind, den ich zuvor genau studiert habe, kann ich auch besiegen.

Solange Gespräche noch möglich sind, sollte die Gesprächsatmosphäre stets von Offenheit geprägt und frei von Vorwürfen und Schuldzuweisungen gehalten sein, um der erkrankten Person keine Gefühle der Fremdbestimmung und Kontrolle zu vermitteln. Unter diesen belastenden Emotionen leiden die betroffenen Menschen auch so schon genug.

Wir dürfen uns innerlich von der Essstörung der uns nahe stehenden Person abgrenzen und distanzieren und brauchen uns nicht für alles verantwortlich zu fühlen. Eine Essstörung darf nicht zum Lebensmittelpunkt der Familie werden. Damit geben wir der Erkrankung zu viel Raum in unserem Leben und damit Macht über uns. Die Betroffenen sind mehr als Essen und Erbrechen.

Wenn es uns gelingt, die Essstörung in unserer unmittelbaren Umgebung als vorübergehenden Teil unserer Realität zu akzeptieren und uns in Geduld zu üben, so sind dies wesentliche Grundvoraussetzungen für die Bewältigung dieser unsere Grundfesten erschütternden Lebenskrise.

Jede Essstörung hat ihre eigene Geschichte. Und so versteht sich diese Ausstellung als Dokumentation von Geschichten, von individuellen Schicksalen, welche mit ihrem Schmerz nicht allein bleiben wollten. Wir sehen Geschichten von Hoffnung und Heilung, die uns Mut machen wollen, aber auch Dokumente der Aussichtslosigkeit und des qualvollen Hungertodes.

Die Ausstellung wurde im Jahr 2005 nach einem entsprechenden Aufruf im Rahmen eines bundesweiten Kreativwettbewerbs zusammen gestellt. Verantwortlich für diese Aktion sind der Verein "Aufbruch e.V." Genthin und die Sucht- und Drogenberatungsstelle Genthin. Die Ausstellung umfasst 28 Exponate, welche von Betroffenen und deren Angehörigen gestaltet wurden.

Wir können Grafiken, Illustrationen und Plastiken betrachten, die eine einmalige Gelegenheit bieten, sich mit dieser sensiblen Thematik auseinander zu setzen. Ziel der Ausstellung ist nicht nur eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit. Sie soll ein Sprachrohr sein für alle Betroffenen.

Ich möchte Sie nun einladen, sich einzulassen auf die Zeugnisse der Menschen, die den Mut hatten, mit ihrer Erkrankung nicht allein zu bleiben. Sie kehrten ihr Innerstes nach außen, um ein Zeichen zu setzen gegen das Schweigen, die Scham und die Hilflosigkeit. Ein Zeichen der Ermutigung für uns alle.

In diesem Sinne wünsche ich uns gute Gedanken und Gespräche für ein gesättigtes Herz.

© Ute Sauerwein-Weber, Erziehungswissenschaftlerin M.A.
Bargteheide, den 11. September 2006

Startseite